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Ziel: Karneval in Ostdeutschland als immaterielles Kulturerbe

Die fünf Karnevallandesverbände Ost mit einem gemeinsam Ziel: Karneval in Ostdeutschland als immaterielles Kulturerbe. Mit intensiver Recherche im eigenen Archiv und durch Einbeziehung der Vereine mit einem umfangreichen Fragebogen wurden Bräuche, Traditionen und die Geschichte in Berlin und Brandenburg erfasst und zunächst ein eigener Antrag formuliert. 
So auch in Sachsen und Thüringen. In einer Arbeitsgruppe, in der der KVBB aktiv beteiligt war, wurde dann daraus ein gemeinsamer Antrag formuliert. 
Die Karnevallandesverbände Ost entschieden gemeinsam, dass der Antrag in Thüringen eingereicht wird, da der LTK in Ostdeutschland die meisten Mitgliedsvereine hat.
Ein riesiges Dankeschön geht an die Arbeitsgruppe, die professionell und zuverlässig zusammengearbeitet hat sowie an die beiden Schreiber der Stellungnahmen. Gemeinschaft, Spaß und Freude waren eine gute Motivation auf diesem Weg.

 

Ein langer Weg
Der Prozess begann 2023 zur BDK-Meile in Erfurt und mit den Mitgliederversammlungen, bei denen Vertreterinnen und Vertreter aus allen Regionen beteiligt waren. Für den Karnevalverband Berlin-Brandenburg wurde es dann konkret mit der Jahreshauptversammlung und den ersten Gesprächen mit dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Ein Fragenkatalog sammelte systematisch Erfahrungen und Eigenheiten: vom Zampern in der Lausitz und den Büttenreden in der Prignitz. Ein wichtiger Fundus waren Archive, Chroniken und Publikationen. Werke wie Hans Schuberts „Fastnachtliche Bräuche in Brandenburg und Berlin“ oder die Studie „Fasching und Karneval in der DDR“ halfen, die Entwicklung historisch einzuordnen. Abgestimmt wurden die Ergebnisse im Ostkonvent – dem Treffen, bei dem alle fünf Landesverbände jährlich ihre Positionen bündeln.
Geschichte zwischen Anpassung und Widerstand
Die Bewerbung zeichnet ein breites Bild: Erste Belege stammen aus dem 14. Jahrhundert, wie der „Unweise Rat“ in Königsee (1391) oder eine Wasunger Quittung über ein Fass Bier (1524). Vorchristliche Winteraustreibungsbräuche wie Zampern oder Strohbären verbanden sich mit dem Kirchenjahr. Im 20. Jahrhundert war Karneval immer auch Spiegel seiner Zeit: Gleichschaltung im Nationalsozialismus, staatliche Kontrolle in der DDR. Dennoch entstanden gerade im Osten zahlreiche neue Clubs, oft in Betrieben.
Gegenwart: Vielfalt, Professionalität, Inklusion
Heute zählt der ostdeutsche Karneval rund 930 Vereine mit 95.000 Mitgliedern. Fast die Hälfte sind Kinder und Jugendliche – ein starkes Signal für die Zukunft. Tanzsport ist professionalisiert, Frauen führen Vereine, Menschen mit Behinderungen oder Migrationsgeschichte wirken selbstverständlich mit.
Prunksitzungen, Umzüge, Rathausstürme, Maskenbälle und Fastnachtsverbrennungen prägen die Saison von 11.11. bis Aschermittwoch. Regionale Eigenheiten – von Schifferfastnacht bis Strohbär – machen die Vielfalt aus.
Wissen weitergeben – Generation für Generation
In Garden lernen Kinder Haltung und Rhythmus, bei Nachwuchswettbewerben üben Jugendliche Redekunst. Handwerkliches Wissen fließt beim Wagen- und Kostümbau von Älteren zu Jüngeren. Musikzüge, Guggenmusik und Spielmannskapellen halten Melodien und Traditionen lebendig. Chroniken, Archive und digitale Sammlungen sichern Erinnerungen.
Ein Vereinschronist beschreibt es so: „Man kann Karneval nicht aus Büchern lernen. Man muss ihn erleben – beim Proben, beim Bauen, beim Feiern.“
Herausforderungen für die Zukunft
Doch die Bewerbung verschweigt auch Risiken nicht: Nachwuchsmangel bei Büttenrednern und Musikgruppen, steigende Kosten für Sicherheit und Hallen, wachsende Bürokratie. Figuren wie der Strohbär sind nur noch selten zu sehen. Polarisierung in der Gesellschaft erschwert satirische Rede, die traditionell Herzstück des Karnevals ist.
Die Corona-Pandemie brachte Brüche in Routinen, manche Mitglieder kehrten nicht zurück. Zugleich droht die Gefahr einer Kommerzialisierung, die regionale Eigenheiten verdrängen könnte.
Maßnahmen: Bewahren und neu erfinden
Die Bewerbung beschreibt eine Vielzahl von Erhaltungsmaßnahmen:
•    Jugendarbeit durch Nachwuchsbütt-Wettbewerbe, Ferienlager, Jugendelferräte.
•    Fortbildungen für Trainer, Redner, Musiker und Vereinsleitungen.
•    Dokumentation durch digitale Archive, Zeitzeugeninterviews und Ausstellungen.
•    Inklusion und Kooperation mit sozialen Trägern.
•    Nachhaltigkeit im Wagenbau, Materialkreislauf und ökologische Konzepte.
•    Vernetzung über Ostkonvent, Bund Deutscher Karneval und europäische Dachverbände (NEG, FECC).
Besonders hervorgehoben wird die Nachwuchsförderung in der Büttenrede. Junge Menschen lernen dort nicht nur Humor, sondern auch Sprachkompetenz, Selbstbewusstsein und Kritikfähigkeit – ein Programm, das als „Good-Practice-Beispiel“ bundesweit Modellcharakter haben soll.
Europäische Vernetzung
Karneval ist ein europäisches Phänomen: Masken in Venedig, Umzüge in Nizza, Basler Fastnacht oder „Kurentovanje“ in Slowenien. Ostdeutschland ist über die NEG und die FECC eingebunden, Vereine pflegen Partnerschaften nach Österreich, Schweiz, Belgien und Luxemburg. Gegenseitige Besuche, Seminare und Jugendprojekte fördern Austausch und lebendige Weiterentwicklung.
Fazit
Mit der Bewerbung setzen die ostdeutschen Karnevalsverbände ein starkes Zeichen: Sie wollen nicht nur Tradition bewahren, sondern auch zeigen, dass Karneval ein lebendiges Kulturerbe ist – offen, vielfältig, zukunftsorientiert.